Pflügen, Pflegen und Verehren

Interview mit Karl Ludwig Schweisfurth, Visionär und aktiver Naturschützer

Karl-Ludwig Schweisfurth

Vom größten Fleischfabrikanten Europas zum ökologischen Visionär: Vor vielen Jahren verändert Karl Ludwig Schweisfurth sein Leben radikal und sagt nein zur industriellen Tiervernichtung, um nachhaltige Landwirtschaft in Deutschland zu revolutionieren.

Auf den Grundsätzen von Ethik, Naturverbundenheit und Qualität erschafft er die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, die nicht durch Preiskampf und bedingungsloses Wachstum erfolgreich sind, sondern aufgrund der Ehrfurcht vor dem Leben. Er vertritt den Standpunkt, dass der Konsument bewusst Entscheidungen treffen muss, um auf die Produktpolitik der Konzerne Einfluss nehmen zu können. Jeder hat täglich die Wahl.

Ein Gespräch über nachhaltige Lösungen und die Beweggründe, sein Leben zu ändern.

Manuela & Carsten: Was hat Sie damals bewegt, Ihr Leben so radikal zu ändern?
Karl-Ludwig Schweisfurth: Ich hatte die Schnauze voll. Das war aber noch nicht so sehr ein Wissen, sondern ein starkes Gefühl. Wir sind vom rechten Wege abgekommen und marschieren genau in die verkehrte Richtung. So, wie wir mit der Natur umgehen und so, wie wir mit den Tieren umgehen, kann das nicht gut gehen. Die Werte werden uns alle aus der Hand geschlagen, wenn es nur darum geht, immer noch mehr, immer noch schneller und noch billiger zu produzieren. Wir berufen uns immer auf unsere europäischen und auf unsere christlichen Grundwerte, und doch trampeln wir mit Füßen darauf herum und schaden uns am Ende selbst. Um gutes Fleisch, guten Schinken und gute Würste zu machen, muss ich Tiere töten. Aber da muss ich mir sehr genau überlegen, wie und was ich da eigentlich mache?

Dann war es eines Tages plötzlich da, und ich sagte zu meiner Frau: „Dorothee, ich hab' eine Idee! Wir steigen aus und fangen noch mal ganz von vorne an.“ Und die Idee war ziemlich exakt das, was Sie heute hier in Herrmannsdorf sehen. Ich war ja noch jung, erst 54. Ich habe dann relativ schnell mein Unternehmen verkauft. Ich hatte mir zwar sehr genau überlegt, was ich tun wollte: ökologisches Wirtschaften, regionales Wirtschaften, wieder die Dinge zusammenbringen. Das war mir schon klar. Aber es hätte genauso gutschief gehen können.

M&C: Ist es wichtig, dass man etwas wagt im Leben?
KLS: Ja, es ist wichtig, dass man mal springt. Auch wenn Du nicht genau weißt, wohin du springst. Das ist natürlich schwer, und da zögern viele Menschen. Ich hätte auch alles verlieren können. Meinen Ruf, meinen Namen, mein Geld. Das geht sehr schnell.

M&C: Haben Sie Ihre Entscheidung jemals bereut?
KLS: Ich fühle mich heute so gut, und ich bin dankbar. Wenn ich weitergemacht hätte, weiß ich nicht genau, ob ich überhaupt noch da wäre, und ob ich diesem Druck standgehalten hätte. Auf die Dauer hätte ich automatisieren oder gelernte Handwerker in meinen Fabriken rauswerfen müssen. So wie das heute üblich ist. Übrig bleiben dann Leute, die für ein paar Euros unter miserablen Bedingungen in den modernen Schlachthäusern irgendeine Arbeit machen, die sie nicht verstehen. Wo von Würde des Menschen überhaupt nichts mehr zu spüren ist. Geschweige denn von der Würde der Tiere.

Ich bin sehr glücklich geworden, und es ist ein ganz anderes Leben hier. Auch für die fast 200 Mitarbeiter in Herrmannsdorf, das hat mit Fabrik nichts zu tun.

M&C: Auf der Maxime „immer mehr, immer schneller, immer billiger“ basiert unser gesamtes Wirtschaftssystem. Wohin führt das?
KLS: Das nenne ich heute die Lidlisierung unserer Wirtschaft und unseres ganzen Lebens! Der Druck steigt immer mehr. Nur um noch mehr Klamotten noch billiger zu produzieren, die man eigentlich nicht braucht. Dabei gehen Werte verloren und unsere Welt unwiderruflich kaputt. Mit dem Aussterben der Bauern, und die sterben aus, geht unendlich viel Wissen verloren, das sich im Laufe der Jahrhunderte gerade in Europa aufgebaut hat. Es geht die Pflege unserer Landschaft verloren und wir merken es kaum. Fragen Sie mal einen normalen Menschen, der Ihnen dann sagt: "Ist doch alles in Ordnung, ist doch alles wunderbar." Die Supermärkte sind voll, und es ist sehr bequem, alles aus dem Regal herauszunehmen. Zwei Koteletts in der Packung, ein Pfund Hackfleisch, 8 Tage haltbar. "Wo ist das Problem?" werden die meisten Menschen sagen. Dass Bauern dabei über die Wupper gehen, das geschieht so leise und kaum wahrnehmbar, dass die Menschen das nicht als ein Problem empfinden.

M&C: Sind wir Konsumenten zu leichtgläubig geworden?
KLS: Wir verfügen über alle Informationen, die wir brauchen, aber wir machen nichts draus. Wir sind nicht berührt, wir tun so, als ob das auf einem anderen Planeten passiert.

Aber ich bin ein sehr optimistischer Mensch. Ich denke viel darüber nach. Vielleicht helfen Leuchttürme, wo anders gewirtschaftet wird. Wo Menschen hinkommen und sagen: "Ach so geht das auch!? Da sind der Boden und die Pflanzen gesund, man geht gut mit den Tieren um und die Menschen fühlen sich wohl." Das gute Beispiel meine ich, das Vorbild. Und ich helfe auch anderen, wo immer das geht, dass solche Leuchttürme aufgebaut werden. Es gibt in Deutschland, Russland oder Kairo einige Projekte, an denen ich arbeite.

M&C: Wäre es eine Lösung, wieder mehr mit der Natur in Kontakt zu kommen?
KLS: Ja, das wäre eine Lösung, wenn es wieder mehr Menschen gäbe, die sagen: „Dann versuche ich es doch mal mit einem Hektar Land und zieh' mit meiner Familie aufs Land." Das kostet ein bis drei Stunden Arbeit am Tag. Ich kann für meine Familie nichts besser machen oder kann meinen Kindern nichts Besseres mitgeben als Stabilität fürs ganze Leben. Die Kinder lernen dadurch, mit dem Boden umzugehen. Ich erlebe hier mit den vielen Kindern jeden Tag, wie sie mit den Tieren umgehen. Sie bekommen ein Gefühl dafür, was eigentlich Natur ist und wovon wir leben. Dass wir nicht vom Supermarkt leben.

M&C: Bei der letzten Herrmannsdorfer Werbekampagne sagten Sie: „Jeder hat die Wahl“. Hat der Konsument wirklich die Wahl?
KLS: Also, theoretisch hat er natürlich die Wahl. Er braucht all' die billigen Klamotten ja einfach nicht zu kaufen. Er hat die Wahl!

M&C: Was kann ich tun als verantwortungsvoller Konsument?
KLS: Immer wieder kritisch nachdenken und nachfragen! Was nützt es zum Beispiel, wenn auf einer Packung mit tiefgekühltem geschältem Spargel aus China das Öko-Zeichen zu sehen ist, wenn es nach ungeheuren Aufwendungen für das Einfrieren, das Gefriertransportieren und für das Verpacken gegen alle Grundregeln der Ökologie im Laden angekommen ist? Es gibt keinen anderen Weg als immer wieder nachzudenken, nachzufragen und kritisch zu sein.

M&C: Sie stellen in Herrmannsdorf hochwertige Lebensmittel her. Sind diese Lebensmittel nicht zu teuer?
KLS: Zunächst einmal sind sie natürlich teuer. Sie können ein Kotelett im Sonderangebot bei Lidl oder Aldi noch für 3,99 kaufen, das ist billiger als Hundefutter. Das geht nur, wenn es aus riesengroßen vollautomatisierten Fabriken stammt. Bei uns kostet das Kotelett aus der sorgfältigen ökologischen Erzeugung 12 Euro. Es ist so verführerisch einfach ins Regal zu greifen und nicht darüber nachzudenken.

M&C: Setzen wir unsere Prioritäten beim Konsum falsch?
KLS: Ja, ohne Zweifel. Wir werden wohl auch nicht daran vorbeikommen, dass der Gesetzgeber seine Mindestanforderung dramatisch erhöhen muss. Zum Beispiel die Mindestanforderung an den Umgang mit dem Boden, an die Erzeugung von Pflanzen, an die Haltung von Tieren und an die Lebensmittelproduktion. Jetzt kämpfen wir schon 20 Jahre ohne Erfolg darum, dass die Hühner nicht mehr in die Käfige kommen. Und die Macht der Industrie ist so groß, dass die Politik hilflos ist.

M&C: Steht ökonomischer Erfolg im Widerspruch zu ökologischer Verantwortung?
KLS: Nein, eigentlich nicht, das Beispiel Herrmannsdorf steht dafür.

M&C: Haben wir uns von der Natur getrennt?
KLS: Nicht nur ein bisschen, sondern total! Auch die Diplomagraringenieure wissen nichts mehr von der Natur. Das ist erschreckend. Wir wissen nicht mehr, wovon wir leben.

M&C: Was kann man tun, um diesen Trend wieder umzukehren?
KLS: In Herrmannsdorf arbeiten wir gerne mit Kindern, um ihnen ein paar Schlüsselerlebnisse zu vermitteln. Zum Beispiel, indem ich mit den 8- oder 9-Jährigen auf den Acker gehe, mit dem Spaten ein Stück Erde heraushole und sage: "Kuckt mal Kinder. Ich möchte gerne, dass jeder riecht, wie die Erde riecht und die Erde anfasst. Was erlebt ihr da?" Ich habe oft genug gehört: "Ekelhaft." Nur weil sie noch nie bewusst hingeguckt haben. Dann erkläre ich ihnen: "Das ist die Basis für das Leben auf der Erde. Die Hälfte dessen, was ich hier in der Hand habe, ist Leben, nicht tote Materie. Ratet doch mal, wie viele Kleinstlebewesen es in dieser Hand gibt?" In einer Hand voll gutem Mutterboden sind so viele Kleinstlebewesen, wie es Menschen auf dem Planeten Erde gibt, Milliarden. Und trotz aller Wissenschaft und trotz allen Wissens, was da wirklich in der gesamten Komplexität passiert, können wir bestenfalls ahnen. Wissen können wir das nicht. Aber diese Ahnung, die kann ich den Kindern vermitteln, und das vergessen sie in ihrem Leben nicht. Vor diesem Wunder kannst du nur staunen, verstehen kannst du das nicht. Wieso glauben wir, dass wir alles verstehen müssen. Danach sage ich: "So, Kinder, jetzt werdet ihr sicher für den Rest eures Lebens nicht mehr achtlos auf der Erde herumtrampeln, keinen Müll auf die Erde werfen und kein Gift." Ich bin überzeugt, das sitzt.

M&C: Sie sprechen oft über die Verbundenheit von allem mit allem. Was steht hinter dieser Philosophie?
KLS: Verbundenheit kann man nur begreifen, indem man sich verbindet. Genau wie du nicht über Liebe reden kannst, du musst sie tun, um zu verstehen. Nicht nur verlieben, sondern lieben. Sich zu verbinden, ist ganz simpel. Das ist das Leben mit dem Land und mit den Tieren, auch auf einem ganz kleinen Stückchen Land. Ich glaube, der Druck in der Stadt wird immer größer, bloß um den Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Ein großes Auto vor der Tür, die Kinder zum Geigen fahren und Dinge tun, die man eigentlich gar nicht möchte. Und das alles nur, um anderen Menschen zu imponieren, die man eigentlich gar nicht mag. Aber aus diesem Druck entsteht Sehnsucht. Aber dann den Sprung zu tun, das ist verdammt schwer!

M&C: In welchem Verhältnis zu den Tieren und zur Natur stehen wir im Westen?
KLS: Faktum ist, dass die Tiere nur Sachen sind und keine fühlenden Lebewesen, obwohl uns gelegentlich in der Schule oder am Sonntag in der Kirche gesagt wird, das seien unsere Mitgeschöpfe. Aber das reale Leben ist anders. Tiere sind keine Mitgeschöpfe, Tiere sind Sachen. Sonst gäbe es ja auch nicht diese unsäglichen Schlachthöfe, wo 25.000 Schweine am Tag fast vollautomatisch getötet werden. Wenn ich schon töten muss, um zu leben, als Grundgesetz des Lebens, dann muss ich wenigstens Ehrfurcht vor dem Leben haben. Sprich, der Metzger muss die Tiere lieben. Wenn er schon ein Tier tötet, weil die meisten Fleisch, Würste und Schinken gerne essen, dann muss er wenigstens dafür sorgen, dass die Tiere anständig leben. Dass sie gutes Futter zu essen bekommen und ohne Stress und ohne Angst vom Leben in den Tod befördert werden.

M&C: Wie fühlt sich das Leben für Sie heute an?
KLS: Das Leben fühlt sich verdammt gut an! (lacht) Und ich bin sehr dankbar. Ich spiele kein Golf, ich gucke kein Fernsehen, ich mache keine Kreuzfahrten. Ich gehe in die symbiotische Landwirtschaft, ich setze mich auf den Lehrstuhl und beobachte, was da passiert oder gehe in die Werkstatt und sage „Jürgen [Herrmannsdorfer Metzgermeister], mir ist da heute Nacht was eingefallen: Wir können die Leberwurst noch ein bisschen anders machen." Und ich werde im nächsten Jahr 80! Da muss man doch dankbar sein!

M&C: Haben Sie noch etwas, was Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben möchten?
KLS: Pachten Sie sich irgendwo ein kleines Stück Land und gehen sie das Abenteuer ein, mit dem Stück Land und mit den Tieren, die da drauf sind, zu leben. Dann wird sich ihr Leben grundlegend verändern. Übrigens kein neuer Gedanke. Dem großen französischen Philosophen Voltaire werden als letzte Worte zugeschrieben: „Geh in den Garten und arbeite“. So einfach!

Das Interview wurde am 1. Juli 2009 in Herrmannsdorf bei München geführt.

Kommentare

Kommentar von Carsten Meyer | 2011-Mai-3

Toller Typ! Tolles Interview!
Endlich mal einer der was verstanden hat!
Gruß vom Imker

Kommentar von K. Pallaoro | 2011-Sep-25

Respekt vor Tier und Natur, endlich wieder mal spürbar. Danke.

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